Diese Geschichte war ein journalistischer Traum von mir. Einen Tag vor dem Besenwagen zu fahren. Stimmungen einzufangen. Und die Menschen zu begleiten, die sich durchkämpfen, um es zu schaffen – nach fast 14 Stunden vor der Dunkelheit in Sölden im Ziel anzukommen.

Die Wettervorhersage war grandios, und ich hatte über den Sommer ordentlich Radkilometer gesammelt, um die lange Strecke ohne Probleme bewältigen zu können – beste Voraussetzungen also, um die Geschichte verwirklichen zu können. Allerdings hatte ich – offen gestanden – falsche Vorstellungen von dem Tag. Bereits nach dem Start in Sölden, von wo aus es zunächst einmal 30 Kilometer talabwärts geht, war das Tempo ganz hinten schon ganz schön gemütlich. Schnell war klar, dass viele von denen, mit denen ich unterwegs war, nicht mal die Hälfte der Strecke bewältigen würden. Über den Kühtai schafften es die meisten noch. Aber am Brenner, dem zweiten von vier Pässen, war dann Schluss.

Von wegen entspannt vor dem Besenwagen herfahren. Ich habe praktisch das Feld von hinten aufgerollt. Leute begleitet, die aufgeben mussten, um dann wieder Vollgas zu den nächsten zu fahren. So war das beim Anstieg zum Jaufenpass, so war das am elendig langen Schlussanstieg zum Timmelsjoch. Erst ungefähr einen Kilometer vor der Passhöhe, gab mir die Rennleitung, mit der ich permanent im Kontakt war, das Signal: „Ab jetzt lassen wir alle noch rüber und ins Ziel fahren.“

Der letzte beim Ötztaler Radmarathon zusammen mit mir im Ziel
Simon Förtig (links) war einer der letzten, die beim Ötztaler Radmarathon ins Ziel kamen. Ich habe ihn dabei begleitet. Kilian Kreb

Wir waren zu viert, fuhren in einer rauschenden Abfahrt zurück nach Sölden. Allerdings war den drei anderen nicht bewusst, dass noch ein Gegenanstieg auf uns wartete. Dort waren sie so erschöpft, dass sie fast vom Rad fielen. Einer von ihnen war Simon, der in Würzburg einen irischen Pub betreibt. Er konnte sein Glück kaum fassen. Unten in Sölden standen all die Rennfahrer und ihre Begleiter Spalier und jubelten uns frenetisch zu. Die Halle für die Siegerehrung war proppenvoll. Moderator Othmar Peer wartete auf uns, interviewte uns auf der Bühne. Wir tranken danach zufrieden ein Dosenbier. Ganz hinten beim Ötztaler. Das war ganz großer Sport.

Hier geht’s zu meiner Reportage, die in den Magazinen ROADBIKE, Ausgabe 10/2015, und ROADBIKE Passion, Ausgabe 1/2016, veröffentlicht wurde.