Cola, Cola, Cola? Ich, ich, ich! Die Hilferufer an der letzten Verpflegungsstation auf dem Weg zum Timmelsjoch lech­zen nach Erbarmen. Die Zeit wird knapp. Der Körper wehrt sich. Der schwarze BMW drän­gelt. In ihm sitzt der Rennlei­ter 3, eigentlich ein angeneh­mer Mensch. Aber wenn er auf die Uhr schaut, ist er er­barmungslos. Rennleiter 3 hat zwei Besen auf dem Autodach, und die signalisieren unmiss­verständlich: Hinter diesem Auto ist das Rennen vorbei, der Kampf verloren.

Das Timmelsjoch ist ein Monster. Und an die­sem Tag ein noch ge­fräßigeres als sonst. Es ist heiß beim 35. Ötztaler Rad­marathon. Sehr heiß. Der Sie­ger ist schon seit zwei Stunden im Ziel, aber unten in St. Leon­hard, wo die Straßencafés voll sind und munteres Geschrei aus dem Freibad schallt, wartet noch der Showdown auf ein paar Dutzend Rennradfahrer. Das letzte Gefecht. Lapidar angekündigt von einem Straßenschild: Timmelsjoch 30 Kilometer.

Viele werden den Kampf gegen das Monster ver­lieren. Von Krämpfen geplagt, von der Hitze gezeich­net müssen sie schieben, leh­nen über dem Lenker, liegen im Gras oder sitzen auf Mau­ern. Es ist zu heiß. Es geht nicht mehr. Aber manche fah­ren weiter, obwohl sie schon lange nicht mehr können. Sie haben nur ein Ziel: die ultima­tive Deadline um halb acht auf der Timmelsjoch­-Passhö­he zu erreichen. Irgendwie.

Zwei Radfahrer kämpfen sich den Berg hoch, dicht gefolgt vom Besenwagen
Simon Förtig, 13:35 Stunden. Letzter am Gegenanstieg des Timmelsjochs. Simon ist so kaputt, dass er sich kaum mehr auf dem Rad halten kann. Und er ist mental nicht darauf vorbereitet, dass es nach der Passhöhe noch mal wehtut. Maximilian von der Bergwacht geht neben ihm her und reicht im immer wieder einen Schluck Cola. Kilian Kreb

Der Letzte, der noch auf dem Rad sitzt, nach­ dem der 1800­ Höhen­meter­Anstieg zum Timmels­joch in brütender Hitze im Passeiertal beginnt, ist Olaf Boje von der TG Tria Rüssels­heim. Hinter Olaf haben alle schon freiwillig aufgeben oder unfreiwillig ihre Startnummer beim Rennleiter 3 abgeben müssen. „Bis zur nächsten Ver­pflegungsstation, danach ist Schluss“, sagt Olaf. Nein, jam­mert Olaf. Er ist das, was man wohl fertig nennt. Kriegt kaum mehr die Kurbel rum und ha­dert dabei mit sich selbst: „Das war fahrlässig, hier mit­ zufahren.“

Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Sein eiserner Wille wird ihn bis ins Ziel bringen. Weil er an der Verpflegungsstation Schö­nau nicht aufgibt. Sondern weiterfährt. Weiter. Immer weiter. „Wahnsinn. Daran hab echt nicht mehr geglaubt“, sagt er euphorisiert, als er endlich oben ist. Endlich, nachdem vier Stunden lang kein Ende in Sicht war. Und nimmt dann voller Energie und En­dorphine die letzten Höhen­meter in Angriff. Fast zehn Minu­ten vor dem Zeitlimit.

Der Letzte, der auf der Passhöhe des Tim­melsjochs auf 2509 Me­ter Höhe ankommt, ist Hayrul­lah Sokulu. Hinter ihm schaut Rennleiter 3 erbarmungslos auf die Uhr. Weil der Himmel wolkenlos und deshalb das Licht gut ist, hat er schon gut fünf Minuten überzogen. Aber jetzt ist Schluss. Alle hinter Hayrullah werden bei diesem Ötztaler scheitern. „Niemals hätte ich mich aus dem Ren­nen nehmen lassen“, sagt Hayrullah übermütig, legt das große Blatt auf und stürzt sich in rasanter Abfahrt ins Tal.

Ein Radfahrer am Anstieg des Timmelsjoch
Olaf Boje, 13:21 Stunden. Letzter auf dem Anstieg von St. Leonhard aufs Timmelsjoch. Will eigentlich an der Verpflegungsstation auf halbem Weg des Anstiegs aussteigen. Kämpft sich aber am Ende doch mit eisernem Willen hoch und hat auf der Passhöhe sogar ein veritables Zeitpolster auf den Besenwagen. Sportograf

Der Letzte im Gesamtklassement dagegen hat ganz andere Prob­leme. Massimo Belletti schaut über Kreuz, als er kurz vor Hayrullah das Timmelsjoch erreicht. Er will seine Jacke anziehen, schafft es aber nicht. So konsequent Rennlei­ter 3 auch sein musste, um das Zeitlimit einzuhalten, so für­ sorglich kümmern sich jetzt alle um die, die sich bis hier durchgekämpft haben. Wenn nicht noch etwas Außerge­wöhnliches passiert, kommen jetzt die, die vor dem Besen­wagen sind, ins Ziel.

Der Letzte, der am Ge­genanstieg zur Maut­stelle am Timmelsjoch vor dem BMW von Rennleiter 3 fährt, ist Simon Förtig von der Radsportgemeinschaft Würzburg. Simon ist kontrol­liert bergab gefahren, fährt jetzt aber unkontrolliert berg­auf. Maximilan von der Berg­rettung begleitet Simon im langsamen Gehtempo und reicht ihm immer wieder einen Schluck aus der Coladose. Simon braucht eigentlich die ganze Straßenbreite, obwohl er – weil längst schon Gegen­verkehr kommt – nur seine Fahrspur zur Verfügung hat. Aber alle helfen, dass es Simon sicher nach oben schafft. Mit zuckerhaltigen Getränken. Und, viel wichtiger, mit Moti­vation. Nur treten muss er noch selbst. Und obwohl der Körper längst weit übers Limit hinaus ist. Simon weiß: Jetzt hab ich’s geschafft!

Ein erleichterter Radfahrer auf der Passhöhe des Timmelsjoch
Hayrullah Sokulu, 13:28 Stunden. Letzter auf der Timmelsjoch-Passhöhe. Bei ihm ist es knapp, sehr knapp sogar. Alle hinter ihm dürfen nicht mehr ins Ziel fahren. Als er realisiert, dass er es geschafft hat, strahlt er vor Glück. Sportograf

Geschafft! Endlich ge­schafft! Vor zwei Jahren war im strömenden Regen schon nach 20 Kilome­tern in Umhausen Schluss. Letztes Jahr im Dauerregen am Brenner. Diesmal läuft’s gut für Simon. Als kurz nach halb eins die Straße an der Passhö­he des Brenner wieder für den Verkehr freigegeben wird, ist Simon schon auf der Abfahrt nach Sterzing. Auch der Jau­fen geht noch gut, obwohl das Zeitlimit näher rückt. Aber Si­mon kämpft unentwegt. Die Hitze macht ihm zu schaffen, die ersten Krämpfe plagen ihn, er muss absteigen. Schieben. Puls drücken. Weiterfahren.

Der Jaufenpass ist bezwun­gen. Aber das Tim­melsjoch ist ein Mons­ter. Und an diesem Tag ein noch gefräßigeres als sonst. Von Krämpfen geplagt, von der Hitze gezeichnet müssen jetzt fast alle schieben, lehnen über dem Lenker, liegen im Gras oder sitzen auf Mauern. Aber Simon wittert seine Chance. Kämpft. Will in Schö­nau aufgeben. Schaut auf die Uhr und merkt: Es könnte rei­chen. Diesmal könnte es rei­chen! Rappelt sich auf. „Was jetzt noch kommt, das ist ja verheerend“, sagt Martin, einer der sich schon öfter durchge­bissen hat. Hinten beim Ötzta­ler. Weit hinten. Aber Simon lässt sich nicht beirren und denkt daran, was sein Bruder prognostiziert hat: „Wenn der den Besenwagen riecht, dann kämpft er sich ins Ziel.“

Ein entkräfteter Radfahrer zieht sich eine Jacke an
Massimo Belletti, 13:38 Stunden. Letzter im Gesamtklassement. Der Italiener hat die längste Rennzeit, weil er weit vorne am Start ist, aber auch weit hinten am Timmelsjoch. Auf der Passhöhe ist er so entkräftet, dass er seine Windjacke nicht mehr selbst anziehen kann. Aber nur rund eine Stunde später liegt zwischen seinen Gesichtsausdrücken ein Unterschied wie zwischen Hölle und Himmel.
Kilian Kreb

Rennleiter 3 hat nicht nur zwei Besen auf dem Dach seines schwarzen BMW, sondern auch einen ge­waltigen Scheinwerfer. In der hereinbrechenden Nacht leuchtet er die Straße aus. Und er gibt das unmissverständli­che Signal: Hier kommen die Letzten. In Sölden stehen Hunderte Teilnehmer, längst geduscht und umgezogen, am Straßenrand. Sie bereiten de­nen, die kurz nach halb neun, 13 Stunden und 45 Minuten nach dem Startschuss, ins Ziel kommen, einen triumphalen Empfang. Moderator Othmar Peer wartet am Zielbogen. Simons Augen leuchten vor Glück, obwohl er es noch nicht fassen kann. Er muss in die Halle zum Interview. Die Siegerehrung beginnt hier erst, nachdem alle im Ziel sind. Der Rummel ist groß. Trotzdem hat Simon noch den Sinn für das Wichtigste: „Kann ich mal kurz zu meiner Freundin?“ Na­türlich kann er. Ulrike und Si­mon fallen sich in die Arme. Glück. Unbändiges Glück.

„Am Wochenende habe ich gegen drei Uhr morgens Feierabend. Mittags geht’s dann aufs Rad. So sieht mein Alltag aus.“

Simon Förtig, Ötztaler-Finisher und Gastronom

Am Montag, einen Tag nach dem Rennen, kann Simon kaum noch Treppen steigen. Aber er trägt stolz sein Finishertrikot und trinkt gemütlich eine Cola in der Söldener Sonne. Am Dienstag wird er wieder arbei­ten. Hinter dem Tresen stehen im Irish Pixie, seiner Kneipe in Würzburg. Der Alltag kehrt zurück. Am Wochenende bis drei Uhr nachts arbeiten. Irgend­wann am Mittag dann aufs Rad. 3800 Kilometer waren es bislang dieses Jahr. Abends wieder in der Kneipe. Diese Geschichte will er einrahmen und ihr dort, wo sie ihn jetzt schon „Iron Simon“ nennen, ei­nen Ehrenplatz einräumen. Es ist die Geschichte vom Letzten bei einem der härtesten Radmarathons in den Alpen. Aber es ist auch die Geschichte von einem Sieger. Von einem, der es geschafft hat, ganz, ganz weit vorne zu sein.

Die Reportage wurde in den Magazinen ROADBIKE, Ausgabe 10/2015, und ROADBIKE PASSION, Ausgabe 1/2016, veröffentlicht.