Es gibt Dinge, die sich rational nur schwer erklären lassen. Zum Beispiel, dass Menschen fast 4000 Dollar in die Hand nehmen, um einen Startplatz bei einem Mountainbike-Etappenrennen zu ergattern – und sich damit acht Tage elendig lange Qualen zu finanzieren. Hier beim Cape Epic, das sich in der brütenden Hitze rund um Kapstadt innerhalb kürzester Zeit zum Mythos entwickelt hat – bei der „Tour de France der Mountainbiker“ mit sowohl konditionell als auch fahrtechnisch knüppelharten Strecken – wollen alle dabei sein. 1100 Hobbyfahrer, ambitionierte Amateure und Profis aus aller Welt treten in Zweierteams jedes Jahr im März an, koste es, was es wolle. Um im Rennen dann die Erfahrung zu machen, dass es keine Minute Erholung gibt, keinen Meter Entspannung im Sand und im Geröll der südafrikanischen Berge. Wer aufhört zu treten, bleibt sofort stehen.

Elmar Sprink und Peter Schermann beim Cape Epic 53 Bilder

Dass Elmar Sprink und Peter Schermann dieses Rennen überhaupt in Angriff nehmen können, grenzt an ein Wunder. Oder besser gesagt an zwei. Es ist der 12. Juli 2010, als Elmars Herz beim Fernsehschauen im Wohnzimmer plötzlich aufhört zu schlagen. Herzstillstand. Sieben Jahre später an Ostern wird es Peter Schermann im Badezimmer schwindelig. Schwerer Schlaganfall. Um ein Haar wären sie plötzlich mitten aus ihren Leben gerissen worden. Aber beide haben das riesige Glück, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit an der Seite zu haben. Elmar wird von seiner Frau und seinem Nachbarn – einem Arzt – wiederbelebt. Peters bester Freund läutet gerade zufällig an der Tür und ruft geistesgegenwärtig den Notarzt. Sie überleben beide und kämpfen sich mit unbändigem Willen wieder ins Leben zurück.

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
Jens Vögele | 360°-Kommunikation

Zurück ins Leben

Während Peter nach einem Jahr im deutschen Nationaltrikot bei der Marathon-WM am Start steht und fortan wieder für das „Embrace the World“-Team professionell Radrennen fahren kann, verschlechtert sich Elmars Zustand zunächst dramatisch. Schnell wird klar, dass er ohne Spenderherz nicht mehr lange leben würde. Am 8. Juni 2012, nach elendig langen zwei Jahren, die meiste Zeit ans Krankenbett gefesselt, muss dann alles plötzlich ganz schnell gehen. Elmars Spenderherz ist gefunden. Viereinhalb Stunden später schlägt es in seiner Brust, mit dem er heute als als fittester Herztransplantierter der Welt gilt. 

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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Der Weg dahin ist für ihn aber lang und beschwerlich. „Für 400 Meter hab ich am Anfang über eine halbe Stunde gebraucht“, blickt er an seine ersten Gehversuche zurück. Mittlerweile absolviert er Ironman-Triathlons, als wären diese ein Spaziergang. Elmar hat als Ausdauersportler längst wieder zu alter Leistungsfähigkeit zurückgefunden, als bei der Planung zur Transalp sein Teampartner kurzfristig ausfällt. Bei der Suche nach Ersatz trifft er über den gemeinsamen Radsponsor auf Peter.

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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Beim Cape Epic auf den Olymp

Obwohl Peter ein erfahrener Profi ist und Elmar gerade seine ersten Mountainbike-Rennerfahrungen sammelt, treten sie gemeinsam bei dem Etappenrennen über die Alpen an. Sie funktionieren gut als Team – sowohl menschlich als auch sportlich – und schmieden schnell neue Pläne. Beim Cape Epic in Südafrika wollen sie zusammen den Mountainbike-Olymp erklimmen.

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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„Andere Herztransplantierte würden hier maximal ein paar Minuten durchhalten“, sagt Elmar, dessen Nervosität vor dem Start von Tag zu Tag spürbar steigt. Die unrhythmische Strecke stellt für sein Herz eine immense Herausforderung dar, auch wenn er weiß, dass er fit ist und alle Ärzte für das Projekt grünes Licht geben. „Das Problem bei einem Spenderherzen sind die nicht nachwachsenden Nervenverbindungen“, erklärt Elmar, weshalb sich seine Herzfrequenz sehr langsam an Be- und Entlastungen anpasst. 

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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Zerplatzte Träume

Elmar und Peter stehen vor einer Woche mit 681 Kilometern und 16900 Höhenmetern, als es am Lourensford Wine Estate, 50 Kilometer südöstlich von Kapstadt, endlich losgeht. Das Thermometer zeigt fast 40 Grad an, als die beiden um 12.11 Uhr von der Startrampe rollen. Mit 24 Kilometern ist der Prolog nur ein Klacks gegen das, was die kommenden Tage kommt. Etappe eins gleich mit dem härtesten Brocken, gefolgt von 123 und 101 km auf den Etappen zwei und drei. Es gehört zum Charakter des Rennens, schon am Anfang die Spreu vom Weizen zu trennen. Und spricht man Cape-Epic-Gründer Kevin Vermaak auf die fast unmenschlichen Strapazen an, dann grinst er nur verschmitzt und sagt lapidar: „Hey, that’s the Epic.“

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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Um das alles unbeschadet zu überstehen, müssen alle Rädchen ineinander greifen. Zuverlässiges Material, die richtige Ernährung vor, während und nach dem Rennen, ausreichend Regeneration und eine reibungslose Organisation. „Das ist schon mal die halbe Miete“, sagt Peter mit der Gelassenheit aus jahrelanger Rennerfahrung. Wie schnell Träume platzen können, haben die beiden allerdings schon 2020 erlebt. So wie alle anderen schauten sie in die Röhre, als sich die Veranstalter einen Tag vor Rennbeginn dazu entschieden hatten, vor dem Corona-Virus zu kapitulieren.

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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Große Schmerzen, große Zweifel

Deshalb fährt auch diesmal immer die Unsicherheit mit. Stürze, Defekte, Erschöpfung – aber auch positive Corona-Tests – zwingen gleich zu Beginn die ersten Teams in die Knie. Elmar und Peter kämpfen sich jedoch unbeirrt zunächst wacker durch. Peter, für den eine Top-20-Platzierung drin wäre, trägt Ersatzteile, Riegel, Gels und Wasser. „Elmar muss möglichst leicht sein“, erklärt er die Strategie, um trotz der Leistungsunterschiede als Team gut zu funktionieren.

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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Schon auf der zweiten Etappe allerdings zieht es Elmar den Stecker. Er fährt konzentriert den anspruchsvollen Spitzkehren-Trail zum idyllisch gelegenen Houw Hoek Hotel runter, steigt dort aber völlig entkräftet vom Rad. Der Rücken. Schmerzen ohne Ende. 56 von 123 Kilometern liegen an diesem Tag noch vor ihnen und Elmar zweifelt. „Keine Ahnung, wie ich die nächsten drei Stunden durchstehen soll.“ Es werden noch fast fünf. 

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Gezeichnet von den Strapazen

Elmars Gesicht ist gezeichnet von den Strapazen. Aber immerhin kann er sich am Abend etwas erholen, auch weil sie nicht wie die meisten der Teilnehmer im Zelt direkt an Start und Ziel schlafen müssen. Dass er sich penibel um die Organisation gekümmert und schon lange im Voraus Unterkünfte gebucht hat, erweist sich nun als Glücksfall. Genau wie Tiann, ein Sportstudent aus Stellenbosch mit magischen Händen, die einerseits jeden Abend die Bikes der beiden checken, putzen und warten. Andererseits aber auch die Waden und Oberschenkel durchwalken, damit dieser am nächsten Morgen wieder mit voller Kraft auf die Pedale drücken können.

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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Immerhin bleiben sowohl Elmar als auch Peter von Pannen und Stürzen verschont. Und dass mittlerweile dichte Wolken in den Bergen die Hitze vertreiben, motiviert, neben den jetzt etwas kürzer werdenden Etappen, durchzuhalten. Doch auch, wenn Cape-Epic-Moderator Paul Kaye am Mikrofon „Recovery Stages“ ankündigt, haben die Tage hier auf dem Mountainbike mit Erholung mal so gar nichts am Hut.

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Schüttelfrost vor dem Cape-Epic-Finale

Erst Recht nicht, wenn der Körper beginnt zu streiken. „Peter war die ganze Nacht auf der Toilette“, sagt Elmar am vorletzten Morgen mit sorgenvoller Miene. Für ihn selbst, das wird Elmar sofort bewusst, würde jeglicher Verdacht auf eine Virusinfektion das sichere Aus bedeuten. Peter dagegen versucht morgens um fünf zu retten, was zu retten ist. Cola, Salzbrezeln und Imodium akut helfen ihm zumindest kurzfristig. Aber sein Körper reagiert am Abend mit heftigem Schüttelfrost. Eine Etappe und 68 Kilometer vor dem großen Finale nach Val de Vie.

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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Val de Vie – dieser Name steht für einen ganz besonderen Sehnsuchtsort. Hier lassen sich die ganz besonders Reichen in einer gepflegten Retortensiedlung in opulenten Häusern nieder. Hier erfüllen sich aber auch jedes Jahr die Träume all jener, die bereit sind, sich eine elendig lange Woche unvorstellbar zu quälen. Hier kehrt das Lächeln in ausgemergelte und schmerzerfüllte Gesichter zurück. Hier knallen die Sektkorken. Und hier liegen Mountainbiker erschöpft im Gras und genießen ihre ganz persönlichen Momente für die Ewigkeit. Elmar Sprink und Peter Schermann haben es geschafft! Sie gehören zu jenen 835 Mountainbikern, denen Dreifach-Weltmeister Alban Lakata eine Medaille um den Hals hängt. Als haptischen Beweis, allen Schmerzen, Problemen und Hindernissen sowie dem Schüttelfrost der letzten Nacht die Stirn geboten zu haben.

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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You don’t have to come first to win

Viele von denen jedoch, die gescheitert sind, werden es wieder versuchen. Werden wieder fast 4000 Dollar hinlegen, um beim Cape Epic erneut starten zu können. Sie werden sich darum mit Tausenden anderen streiten müssen, weil die Startplätze fürs Folgejahr schon nach wenigen Stunden ausverkauft sind. Vernünftig erklären lässt sich all dies tatsächlich nicht. Wohl aber schon, warum die Leidenschaft zum Radfahren das Leben von Elmar und Peter prägt. Der Sport beiden Halt und Erfüllung zugleich, er hat immens dabei geholfen, auch die größten  Schwierigkeiten und Krisen zu überwinden. Dass sie sich wieder bewegen, Wettkämpfe bestreiten und ihre Träume verwirklichen können, erfüllt beide mit tiefer Dankbarkeit. Und deshalb scheint der Slogan, den die Mitarbeiter eines Cape-Epic-Sponsors auf T-Shirts spazieren tragen – allem sportlichen Ehrgeiz zum Trotz – genau für Elmar Sprink und Peter Schermann getextet worden zu sein. In großen Lettern ist darauf zu lesen: „You don’t have to come first to win.“ 

Peter Schermann und Elmar Sprink beim Cape Epic
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