Was waren das für Sommer! Angefangen mit dem sensationellen zweiten Platz bei der Tour de France 1996. Dem überragenden Triumph 1997. Dem Hungerast am Galibier 1998. Und all den dramatischen Zweikämpfen mit Lance Armstrong in den Jahren danach. So einen wie diesen Jan Ullrich hat’s noch nicht gegeben. Im deutschen Radsport sowieso nicht. Und weltweit? „Voilà, le patron!“, titelte de französische Sportzeitung „L’Équipe“, nachdem Ullrich in Andorra ins Gelbe Trikot gestürmt war.

Und im Überschwang stellten ihn viele Experten schon auf eine Stufe mit Merckx, Hinault oder Indurain. Viele sagen, dass Jan Ullrich sogar das größte Radsporttalent aller Zeiten war. Aber sein Leben wurde zu einem der verpassten Chancen – im Sportlichen wie im Privaten. Und wer auch immer, aus welchen Gründen auch immer, dieses fürchterliche Selfie-Video von Jan Ullrich aus dem Sommer 2018 verbreitet hat – es zeichnet ein erschütterndes Bild. 21 Jahre nach Andorra. Die Gegensätze könnten krasser kaum sein.

Wem Jan Ullrich nicht völlig egal ist, tut besser daran, sich dieses Video nicht anzuschauen. Denn eigentlich geht es niemanden etwas an, wie da einer frühmorgens lallend und wie von Sinnen in seiner Finca umherwankt. Genauso wenig, wie all die voyeuristisch angehauchten Geschichten auf RTL, Bild & Co. über die unfassbaren Mengen an Whisky, Drogen, Zigaretten oder die Anzahl an zerstörten Fernsehern auf Ullrichs Anwesen auf Mallorca. Und trotzdem bestätigt dies alles, was man sich in den letzten Monaten über Ulle erzählt hat. Einige ehemalige Wegbegleiter und Freunde sind in so ernster Sorge um Jan Ullrich, dass sie befürchten, er würde diesen Sommer nicht überleben. Namentlich genannt werden wollen aber die wenigsten, aus ganz unterschiedlichen Beweggründen.

„Jan Ullrich ist der liebevollste Mensch, den du dir vorstellen kannst“, sagt etwa einer seiner ehemaligen Teamkollegen, der sich fassungslos über den Zustand Ullrichs zeigt. Und diese Meinung haben viele, die Ulle kennen – egal ob oberflächlich oder gut. Er hat keine Allüren, achtet seine Fans, ist nahbar, fröhlich, ein wundervoller Vater, ein überaus angenehmer Mensch. Aber es gibt eben auch den anderen Jan Ullrich. Uneinsichtig, anmaßend, apodiktisch. Sein Leben ist voller Eskapaden, die unterschiedlicher kaum sein können, aber eines gemeinsam haben: Jan Ullrich hatte nie die Fähigkeit, sich zu reflektieren, zu erkennen, dass er selbst die Ursache dieser Eskapaden ist. „Er hat noch nie erkannt, dass er etwas ändern muss – diese fehlende Selbsterkenntnis zieht sich durch sein ganzes Leben“, sagt ein Weggefährte, der ihn phasenweise intensiv begleitet hat.

Wenn Ullrich sich etwas eingestanden hat, dann immer nur das, was offenkundig war. Bereits 1999 berichtete der „Spiegel“ detailliert über Dopingmachenschaften im Radsport, auch im Team Telekom. Das Nachrichtenmagazin hatte aber handwerklich unsauber gearbeitet und musste sich deshalb per einstweiliger Verfügung verpflichten, die Vorwürfe nicht mehr zu wiederholen. Doch auch wenn Dokumente falsch zugeordnet wurden, Aussagen zu pauschal getroffen wurden: Wer den Radsport kannte, wer die Augen nicht verschloss, wusste schon damals, wie EPO-verseucht das System in jenen Jahren war.

Was im „Spiegel“ stand, war das, was man sich unter der Hand erzählte und was spätestens beim Festina-Skandal 1998, bei dem die Tour de France kurz vor dem Abbruch stand, nicht mehr zu übersehen war. Jan Ullrich witterte aber eine Verschwörung. Er konnte die nächsten Jahre noch im Windschatten der landesweiten Euphorie fahren – mit einem Sponsor im Rücken, der Anzeigen schaltete, auf denen stand „Saubere Leistung, Jungs!“. Oder der ARD, die ihm rund 800 000 Euro pro Jahr bezahlte, damit sie ein paar Interviews von ihm bekam. Doping im Radsport, auch im deutschen, damals nicht zur Kenntnis zu nehmen, war entweder in hohem Maße heuchlerisch oder schlicht ignorant.

Die Ulle-Euphorie hielt an

Schnell legten sich auf Ullrichs strahlende Karriere erste dunkle Schatten. Zwar holte er bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 Gold und Silber, wurde 2001 Zeitfahr- Weltmeister und Tour-Zweiter. Allerdings wurde mit dem wundersamen Aufstieg des von seiner Krebserkrankung genesenen Lance Armstrong erstmals ersichtlich, dass Ullrichs Talent alleine nicht ausreichte, um weiterhin die Tour de France zu dominieren. Übergewicht und mangelnde Disziplin führten dazu, dass er die Rolle des Patrons plötzlich abgeben musste. Und auch da waren schon Ullrichs zwei Gesichter zu erkennen: einerseits der geschätzte, großzügige und offenherzige Kapitän. Andererseits seine Undizipliniertheiten, die bei den Kollegen im Team, die auf jedes Gramm Körpergewicht achteten und jeden Trainingskilometer nach Plan abspulten, Gesprächsthema waren. „Die Mannschaft hat alles dafür getan, ihm das Leben zu erleichtern“, sagt ei- ner seiner Weggefährten. Aber Ullrich hat diesen Teamgeist durch seinen Lebenswandel bisweilen mit Füßen getreten.

Als er 2002 unter Knieproblemen litt, fuhr er in Freiburg mit seinem Porsche einen Fahrradständer um. Alkohol. Fahrerflucht. Die „Zeit“ zitiert seine damalige Freundin mit den Worten: „Mit dem Alkohol muss Schluss sein, davon habe ich die Schnauze voll.“ Ullrichs Knie macht weiter Probleme, Operation, Reha. Dort wird er positiv auf Amphetamine getestet. Er habe in einer Disko eine Pille angeboten bekommen und sie runtergeschluckt, erklärte er sich später.

Und trotzdem – oder gerade wegen seiner Fehlbarkeit – hielt die Ulle-Euphorie an. Die Wiederauferstehung 2003 mit dem großartigen Kampf gegen Lance Armstrong, gefolgt von – für Jan-Ullrich-Verhältnisse – enttäuschenden vierten und dritten Plätzen bei der Tour. 2006 dann sollte sein Jahr werden. Ullrich schien fit und austrainiert wie nie zuvor, als zwei Tage vor dem Tour-Start die Bombe platzte. Jan Ullrich wurde von seinem T-Mobile-Team suspendiert. Seine Reaktion, obwohl die Beweislage erdrückend war: „Ich habe mit der Sache nichts zu tun.“

WENN ER KEIN PROBLEMBEWUSSTSEIN ENTWICKELT, IST DIE WAHRSCHEINLICHKEIT EINES RÜCKFALLS SEHR HOCH.“

Dass gerade die Medienschaffenden, die all die Jahre zuvor die Distanz zu Ullrich hatten vermissen lassen, nun auf ihn einprügelten, und dass sich alles auf ihn konzentrierte, empfand Ullrich als zutiefst ungerecht. Aus seiner Sicht waren wieder mal die Medien – und viele andere – schuld an der Situation. Nur er selbst nicht. „Dass plötzlich Blutbeutel gefunden wurden und das publik wurde, hat mit den Medien ursächlich natürlich null zu tun“, sagt ein Branchenkenner dazu. Vielmehr hätte er damals „die Chance gehabt, zu sagen, wie es wirklich war“. Klarzumachen, dass Sportler nicht nur Täter, sondern auch Opfer sind in einem skrupellosen Dopingsystem.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass ihm die Allermeisten verziehen hätten. Stattdessen trat er zurück. Als einziger deutscher Tour-de-France-Sieger. Und trotzdem mit dem Image des ewigen Zweiten. Dass dem, gegen den er immer verloren hatte, später alle sieben Tour-Siege aberkannt wurden – größer könnte die Ironie der Geschichte kaum sein. Um abzutreten, lud Ullrich zu einer bizarren Pressekonferenz ein. Fragen ließ er nicht zu. Stattdessen sagte er: „Einige von euch schwarzen Schafen sind hier nur geduldet.“ Selbstkritische Worte? Wie immer keine. Ullrich lebte nach wie vor in seiner eigenen Welt.

Keine Chance ohne Problembewusstsein

„Wäre er richtig beraten gewesen, hätte er 2007 nach einer Sperre auf die sportliche Bühne zurückkehren können“, sagt ein Kenner der Profiszene. So aber folgte der Rückzug ins Privatleben. Familienidylle am Bodensee. Wer ihn im Umgang mit seinen Kindern sah, war begeistert von der Liebe, die er ausstrahlen konnte. Und trotzdem machte ihm der Rückzug zu schaffen. Ihm, der einst auf dem Thron war, und mittlerweile als Prügelknabe der Nation herhalten musste. 2010 gab Ullrich bekannt, am Burn-out-Syndrom erkrankt zu sein und sich deshalb in Behandlung zu begeben. Ständige Begleiter: juristische Scharmützel. Unter anderem bestritt Ullrich unter Eid in einem Gerichtsverfahren gegen seinen damaligen Teamchef Günther Dahms, während seiner Zeit im Team Coast gedopt zu haben. Der Molekularbiologe und Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke, mit dem er im Dauerstreit lag, war von einem Meineid überzeugt. Ullrich sagte, nachdem er in diesem Rechtsstreit siegte: „Die Wahrheit hat gewonnen.“

JAN ULLRICH HÄTTE NACH SEINER SUSPENDIERUNG 2006 DIE CHANCE GEHABT, ZU SAGEN, WIE ES WIRKLICH WAR.“

Vom Burn-out genesen, wagt Ullrich mit neuem Management einen Neuanfang. Es gibt eine Strategie, in die auch die ROADBIKE-Redaktion involviert ist und die ihm ein Leben in der Jedermann-Szene eröffnen soll. Zwei Reportagen mit ihm, dazwischen ein Interview, in dem er mit seiner Vergangenheit aufräumt. Die erste Reportage erschien. Die zweite nicht. Weil Ullrich kurzerhand das Interview platzen ließ. „Die juristischen und finanziellen Konsequenzen wären für ihn wahrscheinlich existenzbedrohend gewesen“, mutmaßen mehrere Vertraute. Trotzdem sieht man Ullrich fortan immer wieder bei Jedermann-Rennen. Beim Ötztaler Radmarathon ist er Stammgast, die Zahl seiner Fans ist bei solchen Veranstaltungen trotz allem noch deutlich größer als die seiner Gegner.

Im Mai 2014 dann der nächste Rückschlag: erneuter Unfall unter Alkoholeinfluss in der Schweiz. Ullrich wird zu 21 Monaten Haft auf Be-währung verurteilt. Er zieht mit seiner Familie nach Mallorca um, hat Pläne, mit Jedermann-Camps und -Events Geld zu verdienen, ein Jan-Ullrich-Café zu eröffnen. Aber sein kaputtes Knie verhindert, dass er Rennrad fahren kann. Dazu die Trennung von seiner Frau Sara, die mit ihren Kindern zurück ins Allgäu zieht.

„Im Frühling war noch alles im Lot“, sagt einer seiner Vertrauten. Dann aber geht alles rasend schnell. Er stößt Freunde, selbst seine Mutter, vor den Kopf, behandelt sie schlecht, will nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Stattdessen treten Menschen in sein Leben, die enormen Einfluss auf ihn haben: „Er war schon immer anfällig für Leute, die ihm irgendwas versprochen haben“, sagt der Ullrich-Vertraute. Keiner wisse, welche genauen Interessen diese Leute verfolgen, es seien aber definitiv nicht Ullrichs Interessen. Als seine massiven Drogen- und Alkoholprobleme öffentlich werden, eskaliert die Lage zwar, endet aber im Entzug. Dem dritten, wie der „Stern“ berichtet. Und der wohl einzigen Chance, noch mal die Kurve zu kriegen.

„Es hat ihm körperlich offensichtlich gutgetan“, sagt ein Beobachter. Allerdings hat er immer noch die gleichen Leute um sich, gibt Interviews, die kaum auf Einsicht schließen lassen. „Wenn er kein Problembewusstsein für sein Verhalten entwickelt, ist die Rückfallwahrscheinlichkeit sehr groß“, sagt Sportmediziner Dr. Lutz Graumann. Aber wird er sich irgendwann seiner Probleme tatsächlich bewusst werden?

„Bisher ist er ja mit seiner Masche immer durchgekommen“, sagt ein Freund desillusioniert. Es scheint, als hätte Jan Ullrich die letzte Ausfahrt in seinem Leben genommen. Wenn er auf diesem Weg zu sich findet, auf die richtigen Leute setzt, noch mal kämpft wie 1997 in Andorra, hat er eine Chance – was sich viele Ulle-Freunde und -Fans sehnlich wünschen. Wenn nicht, bleibt nur der fatale Schluss, den die FAZ zog: „Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels. Es ist kein Ausweg in Sicht.“ In einem Artikel aus dem Sommer 2010.

Die Geschichte wurde im Magazin ROADBIKE, Ausgabe 10/2018, veröffentlicht.